Johanna Pirngruber

[The Big How #1] Kulturkaufhaus Pirngruber schließt nach 111 Jahren

Seit 37 Jahren betreut Johanna Pirngruber die Tonträger Abteilung in ihrem gleichnamigen Geschäft in der Linzer Landstrasse. Im Jänner 2017 schließt sie ihre Tore.
Ich stelle Fragen über den Grund ihres Schließens, den Tonträgerhandel im Allgemeinen und wie man es heute anstellen müsste, um mit einem Tonträgergeschäft überleben zu können.

 

Warum schließt das Kulturkaufhaus Pirngruber?

Das Gefühl der Anerkennung ist dem Gefühl gewichen, dass zunehmend Beratungsdiebstahl begangen wird. Gekauft wird bei Saturn oder amazon, nachdem man sich vorher bei uns beraten ließ. Das hat mich die letzten 3 Jahre zunehmend mürbe gemacht.

Andere Gründe sind, dass ich das richtige Alter für den Ruhestand habe und meine Kinder andere Lebenspläne haben, die das Geschäft nicht einschließen.

 

Nach Lotus Records in Salzburg überlässt nun auch das Kulturkaufhaus Pirngruber den Großmärkten das Feld?

Als ich vor 37 Jahren begonnen habe, gab es 400 Händler in Österreich. Vor 10 Jahren gab es 100 Händler und jetzt gibt es noch 10 Händler.

Der Hauptgrund für dieses „Greißlersterben“ ist der Wegfall der Preisbindung. Als mein Vater in den 50er Jahren unsere Schallplattenabteillung aufbaute, waren LPs – genauso wie heute Bücher oder Noten – preisgebunden. Wäre dies heute noch so, würde der Kunde den Händler vorziehen, der ihn am Besten berät. Der Internethandel bzw. große Handelsketten wäre folglich wesentlich weniger Konkurrenz.

Ein weiterer Grund ist das Desinteresse der Industrie am „kleinen Händler“. Die großen Vertriebe besuchten uns früher einmal die Woche. Universal hatte sogar vier Untervertreter: jeweils einen für Decca, Philips, Amadeo und Deutsche Grammophon. Es fanden sogar Verkaufsevents statt. Heute beziehen wir unsere Informationen über Neuerscheinungen aus Fachzeitschriften oder dem Internet. Der klassische Vertreter besucht nur mehr die Großmärkte.

Durch die höheren Abnahmemengen bekommen die Großmärkte natürlich andere Einkaufspreise bzw. mehr OB Ware (Ware ohne Berechnung = Gratisexemplare) oder Werbekostenzuschüsse, was den Einkaufspreis wieder verringert und die Märkte wesentlich konkurrenzfähiger macht.

Die kleinen Händler haben eine Monatsrechnung und ein Rückgaberecht von 2%. Also muss so gut wie alles, was eingekauft wird auch wirklich verkauft werden. Experimente sind nicht möglich, weil immer die Gefahr besteht, dass man auf der Ware sitzenbleibt.

Früher konnte man durch den Verkauf der Standardware den Backkatalog riskieren und finanzieren, was neuen Künstlern oder außergewöhnlichen Projekten eine Chance bot.

Nun ist es allerdings so, dass gerade die Internetriesen bzw. die Großmärkte die Standardware extrem billig anbieten können. Durch den Unterschied im Verkaufspreis ist es also nicht sicher, dass der Fachhändler die Ware verkaufen kann. Die Konsequenz ist, dass er weniger auf Lager nehmen muss und die Gefahr besteht, dass ein Kunde, der die Ware möchte, aber nicht unmittelbar bekommt, das nächste Mal gleich zum Großmarkt geht.

In weiterer Folge verliert man Kundschaft, die man eventuell für neue Musik begeistern könnte. Am Ende der Kette steht also der Künstler, der weniger Gelegenheit bekommt zu experimentieren und dadurch eine ärmer werdende Musiklandschaft.

Auch ist es mittlerweile relativ schwierig gutes Fachpersonal zu bekommen. Der Handel ist auf Grund der Samstagsarbeitszeit nicht sehr beliebt und die Lohnnebenkosten sehr hoch.
Die Spanne im Tonträgerhandel beträgt ca. 30% davon ist das Personal, die Geschäftsmiete und natürlich der Wareneinkauf abzuziehen.

Der Kunde schätzt Fachberatung, ist aber nicht unbedingt gewillt den Preis dafür zu bezahlen. Man lässt sich gerne beraten, bestellt dann aber über das Internet. Auch ist eine gewisse Verrohung der Sitten festzustellen. Ein schönes Beispiel ist ein Herr der ins Geschäft kommt und nur: „Grönemeyer“ sagt. Gekontert habe ich mit „Pirngruber“.

 

Wie könnte man entgegenwirken?

Wünschenswert wäre mehr Unterstützung von Seiten der Industrie: Ware in Kommission, Zahlungsziel 6 Monate, dann 100% Rücktausch. Also was nicht verkauft wurde, wird durch andere Ware ausgetauscht.

Bei den großen Händlern wird für die Neupräsentation von CDs sogar eine Platzgebühr von der Industrie eingehoben. Soweit würde ich nicht gehen, aber es wäre schön wahrgenommen zu werden und nicht nur mehr eine Kundennummer zu sein. Wenn wir nicht mehr da sind, ist es der Industrie ziemlich egal.

Wie schon gesagt, beträgt der Preisunterscheid bei Standardware zu amazon bzw. zum Großmarkt oft einige Euros. Ist diese Ware nicht lagernd, kauft der Kunde woanders. Ist die Ware lagernd kann es sein, dass sie nicht verkauft wird. Ein 100% Austauschrecht würde ein solches Risiko aufheben.

 

Kommission: Haben wir nicht alle die Erfahrung gemacht, dass Händler sich um Kommissionsware weniger bemühen, als um Ware, die sie bezahlen und folglich verkaufen müssen?

Kommission von Produkten die verkaufbar sind, heißt doch in Wahrheit nur ein späteres Zahlungsziel und ein 100% Austauschrecht.
Kommissionware von einer Band die niemand kennt ist aber problematisch. Ich mache auch für Lokalkünstler gerne Support, aber wenn die CD niemand kauft, wird sie nicht unbedingt präsentiert, weil der Platz sehr wertvoll ist.
Sehr oft trennen sich Bands bereits nach sehr kurzer Zeit wieder. Erfolgreich kann nur sein, wer regelmäßig Auftritt, dort seine CDs verkauft und sich selbst um PR bemüht. Auch sind die CD Covers oft sehr unprofessionell und es fehlen Basics wie zB. der Barcode, der für den Handel unerlässlich ist. Nur sehr wenige haben Erfahrung mit „Handel“, was die Zusammenarbeit oft etwas mühsam macht.

 

Wollte man heute ein CD Geschäft eröffnen, wäre es möglich zu überleben?

Chancen hätte wohl ein sehr kleines Geschäft mit exzellenter Fachberatung. Eine kleine und feine CD Abteilung mit einer großen sehr gut sortierten Vinylabteilung. Es kann ruhig eingeschränkte Öffnungszeiten haben. Der Händler muss seine Kunden gut kennenlernen und sie nach ihren Vorlieben beraten. Das könnte funktionieren und einen Gegenpol zur Massenabfertigung der Großmärkte und des Internethandels bieten.

 

Das Geschäft der Familie Pirngruber gibt es seit 1905 in der Linzer Landstrasse. Begonnen wurde mit einer Kombination aus Buchhandel und Kunsthandwerk. Johanna Pirngrubers Großvater hatte die Konzertdirektion Pirngruber, also begann sein Sohn zuerst mit dem Notenverkauf und in den 50er Jahren dann mit einer Schallplattenabteilung. Seine Tochter ist seit 1979 im Geschäft tätig.

 

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