Anton Bruckner in St. Florian

Mag. Isabel Biederleitner

Stift St. Florian ©Erich Obernberger | KULTURQUARTIER
Stift St. Florian ©Erich Obernberger | KULTURQUARTIER

Nur etwa 20 km von der Landeshauptstadt Linz entfernt, liegt die Marktgemeinde St. Florian im oberösterreichischen Zentralraum. Wenn man schon nach wenigen Fahrtminuten in den beschaulichen Ort mit rund 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern einfährt, sticht einem sofort die Besonderheit ins Auge: auf einer ansehnlichen Erhöhung ragt das beeindruckende Augustiner Chorherrenstift St. Florian empor, ein kulturelles Zentrum der Region und ein Schatz des österreichischen Barock. Der Patron des Stifts, der Heilige Florian, fand sein Grab (✝︎ 4. Mai 304) unter der monumentalen und pittoresken Basilika, die sich in das weitläufige Stiftsgebäude einfügt und dessen Grundfesten bis in das 4. JH. zurückreichen. In seiner heutigen barocken Form bestehen Stift und Basilika seit dem 17. JH. Ihre einmalige Bibliothek, mit der ältesten Musikhandschrift Österreichs, und kostbare Sammlungen zeugen von einer ausgeprägt gepflegten Musiktradition bereits seit dem 9. JH. 

Wem Wunder, dass Anton Bruckner diesen besonderen Ort als Kraft- und Inspirationsquelle von seinen Kindheitstagen an schätzte und sein Leben lang treu blieb, sodass er sogar verfügte, nach seinem Tod (10. Oktober 1896) in der Gruft der Basilika, genau unter seiner geliebten Orgel, beigesetzt zu werden. So geschah es auch: Ein Gedenkstein am Boden der Basilika zeigt die genaue Position des Sarkophags an. Der aufmerksamen Besucherin, dem aufmerksamen Besucher der Gruft wird auffallen, dass Bruckners Name auf dem schlichten Sarg falsch geschrieben („Brukner“) steht, angeblich eine Nachlässigkeit des Silberschmiedes, die nie berichtigt wurde. 

Das tut dem magischen Platz, dem Zauber, der von der Stiftsbasilika St. Florian ausgeht, freilich keinen Abbruch, im Gegenteil: Seither gilt St. Florian als Mekka für Bruckner-Verehrerinnen und -verehrer, als wichtige Wirkungsstätte, von wo aus die Strahlkraft Bruckners ihren Anfang nahm. 

Die besten Orchester der Welt haben St. Florian als Konzertstätte auserkoren, um den Geist Bruckners zu atmen, um seine großartigen Sinfoniewerke „über“ ihm in der Basilika zu spielen. Nein, nicht nur zu spielen – auf eine neue Ebene der Interpretation zu heben. Die namhaftesten (bisher nur männlichen) Dirigenten unserer Zeit bestehen darauf, einmal in ihrer Karriere nach St. Florian zu kommen, um die Aura des spiritus loci zu erleben. Der große Bruckner-Exeget Stanislaw Skrowaczewski etwa äußerte vor seinem 90. Geburtstag den Wunsch, endlich an Bruckners letzter Ruhestätte das Bruckner Orchester Linz zu leiten, den die Oberösterreichischen Stiftskonzerte 2015 erfüllen konnten. Auch Herbert Blomstedt beschenkt sich zu seinem 90. Geburtstag im Jahr 2017 mit einem Konzert der Bamberger Symphoniker in St. Florian – eine späte Premiere! Allen internationalen Größen ist gemein: In St. Florian angekommen, führt sie ihr erster Weg hinab in die Gruft zu Bruckner… 

Es ist kein Zufall, dass Live-Mitschnitte von Konzertereignissen in der Stiftsbasilika zu den erfolgreichsten Musikdokumentationen zählen, wie zuletzt ein aufwendiger DVD-Zyklus des Cleveland Orchestra und seines Chefdirigenten Franz Welser-Möst, ebenso ein „Kind Oberösterreichs“, das die Wirkungsmacht St. Florians von klein auf spürte und nun als internationaler Stardirigent auskostet.Und nicht zuletzt das Bruckner Orchester Linz unter seinem Chefdirigenten Dennis Russell Davies, das bereits 2002 mit eine Live-Aufnahme von Bruckners Sinfonie Nr. 8 aus St. Florian dokumentiert wurde, und nun zu seinem 50. Namensjubiläums 2017 die Urfassungen der Sinfonien Nr. 2, 3 und 7, die im Rahmen des Internationalen Brucknerfests in den letzten Jahren in der Stiftsbasilika erklangen, folgen lässt. Das Bruckner Orchester Linz spielt seit Beginn der OÖ. Stiftskonzerte 1973 als Höhepunkt jeden Sommer ein sinfonisches Werk Bruckners in der Basilika St. Florian und kehrt regelmäßig im Frühherbst zur Zeit des Brucknerfests erneut an den originären Brucknerort zurück. Diese jahrzehntelange Vertrautheit mit allen Spezifika und Raffinessen in der Kirche machen die Konzerte des oberösterreichischen Sinfonieorchesters so einzigartig. 

Geboren unweit von St. Florian, in Ansfelden, war Anton Bruckner bereits als Kind mit der außerordentlichen Akustik der Basilika vertraut. Nach dem Tod seines Vaters besuchte er die Pfarrschule, trat den St. Florianer Sängerknaben bei und erhielt eine vielseitige musikalische Ausbildung. Im Alter von 24 Jahren wurde Bruckner Stiftsorganist und selbst nachdem ihn seine berufliche Laufbahn ab 1854 nach Linz und später Wien führte, blieb er dem Chorherrenstift eng verbunden. Er verbrachte seine Urlaube bevorzugt in seinem Lieblingszimmer im Stift (Nr. 4 am Prälatengang, in dem heute die Dirigentinnen und Dirigenten vor einem Konzert Ruhe und Kraft suchen) und erholte sich in der idyllischen Landschaft des Traunviertels. Er nutzte diese Zeit zur auch zur intensiven kompositorischen Tätigkeit. 

Anton Bruckners Sinfonik jenseits seines 40. Lebensjahrs war von langer Hand vorbereitet und hat sich aus dem Umkreis der frühen, in Oberösterreich entstandenen, liturgischen Kompositionen emanzipiert. Hans-Joachim Hinrichsen sieht Bruckners Sinfonien direkt aus dem geistlichen Schaffen hervorgegangen.[1] Diese zielgerichtete Verschränkung der beiden Gattungen bildet sich u.a. speziell im Tonsatz der 7. Sinfonie ab. 

Während des Sommers 1883 entstand das Finale in St. Florian, wo Anton Bruckner die Sinfonie Nr. 7 am 5. September abschloss. Unverkennbar tragen Bruckners Sinfonien auch Einflüsse seiner Orgelmusik und seiner langjährigen Tätigkeit als Organist in St. Florian und Linz. Die blockhafte Anlage, kontrastreiche Instrumentierung, das konsequente Aussparen von bestimmten Instrumenten (wie Englischhorn, Es-Klarinette, Bassklarinette, Kontrafagott und Schlagzeug) und Bruckners „Formenwelt” legen Zeugnis davon ab, wie nicht zuletzt die Urfassung der Sinfonie Nr. 3 mit etlichen Wagner-Zitaten zeigt, bevor sich der Meister an vielerlei Umarbeitungen machte. Sie blieb jedoch Richard Wagner gewidmet, dem Bruckner die Partitur in Bayreuth 1873 vorlegte, als dieser gerade mitten im Baustress für sein Festspielhaus war. Die Zueignung kam nach einem denkwürdigen Treffen zustande, als sich Wagner die 2. und 3. Sinfonie Bruckners – zuerst widerwillig – ansah. An jenem Septemberabend 1873 in der Villa Wahnfried soll vor lauter Freude ob des großen Lobs von Wagner so reichlich Bier geflossen sein, dass sich Bruckner am nächsten Morgen partout nicht mehr erinnern konnte, für welche Sinfonie sich sein Idol nun als Widmungsträger entschieden hatte. Erst ein freundlicher Brief aus Bayreuth versicherte Bruckner, dass das d-Moll-Werk zur „Wagner-Sinfonie” werden sollte. 

Für die Urkunde zur Ehrenpromotion der Universität Wien stellte Anton Bruckner jedenfalls im Herbst 1891 ausdrücklich die Titulierung „als Symphoniker“ sicher, „weil darin stets mein Lebensberuf bestand“.[2] Dem wird man nirgendwo so gewahr, wie in der Stiftsbasilika St. Florian. 

[1] Hans-Joachim Hinrichsen: Bruckner als Sinfoniker, in: ders. (Hg.): Bruckner Handbuch, Bärenreiter, Stuttgart, 2010, S.91. 
[2] ebd., S.153.